Berlingen. ISOS Ortsbild als Chance

Für viele Gemeinden und Städte gilt der Umgang mit dem Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS als unlösbare Herausforderung. Berlingen am Untersee hat im Rahmen seiner Ortsplanrevision den Stier an den Hörnern gepackt und gemeinsam mit dem Forum Raumordnung Schweiz eine Lösung erarbeitet. Sie zeigt Wege auf, wie ein Ortsbild analysiert und wesensgerecht weiterentwickelt werden kann, welche Instrumente und Betrachtungsweisen dabei angewendet werden können und wie eine Grundlagenforschung mit tiefer theoretischer Fundierung in die politische Praxis getragen werden kann. Das ISOS-Team des Bundesamtes für Kultur gibt grünes Licht!
Text: Christoph Schläppi
publiziert: 04.03.2026


Berlingen am Untersee ist ein Dorf mit kleinstädtischen Qualitäten. Im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS ist es als Ort von nationaler Bedeutung eingestuft. 2022 befasste sich die Gemeinde im Rahmen der Ortsplanungsrevision mit dem Thema, um dieser Einstufung mit herkömmlichen raumplanerischen Mitteln gerecht zu werden (das Problem beschäftigt viele Gemeinden der Schweiz). Der Ansatz überzeugte nicht vollends, eine rechtsgenügliche Auseinandersetzung mit dem ISOS, welche für künftige Projekte eine ausreichende Rechtssicherheit schaffen würde, schien nicht möglich. Darauf kontaktierte die Gemeinde das Forum Raumordnung Schweiz, nachdem sie die Publikation «Orte für Menschen» erhalten hatte.

Das dabei ausgelöste Projekt war Grundlagenforschung und methodische Recherche an einem konkreten Ort: Das Dorf wurde analysiert, Strategien wurden mit «Positionsbezügen» von Expert*innen für Architektur, Städtebau, Kunst und Biodiversität ausgelotet, Workshops wurden durchgeführt, ein Privatsponsor ermöglichte ein Modell, an welchem ein ortsplanerischer Entwurf erarbeitet wurde. Das fürs ISOS verantwortliche Bundesamt für Kultur, die kantonale Denkmalpflege und immer wieder die Gemeinde leisteten Unterstützung, debattierten um eine innovative Lösung.

Dabei wurden neue Denkansätze getestet und umgesetzt: Ein Planungsverständnis, das nicht von den Parzellengrenzen, sondern von den konkreten Volumen und Freiräumen ausgeht. Ein Set von baulichen Interventionsmöglichkeiten, das auf alle, nicht nur die denkmalpflegerisch erfassten Bauten sowie die Qualität des Freiraums zugeschnitten ist. Die Neuinterpretation und Reparatur von beschädigten oder entwicklungsbedürftigen Situationen. Das Resultat wurde in einknappes Reglement für die Bauvorschriften gegossen, welche nun in die Nutzungsplanung der Gemeinde eingearbeitet werden.

Das Projekt wurde in verschiedenen Pressebeiträgen und zuletzt anlässlich einer Informationsversammlung der Gemeinde mit grossem Interesse aufgenommen – nicht zuletzt, weil es innerhalb des ISOS-Perimeters gelungen ist, beträchtliche bauliche Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

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Modell in dem der ortsbauliche Entwurf entworfen, überprüft und kommuniziert wird